Kitsch im Kleingarten – wie weißer Bart und rote Mütze

In regelmäßigen Abständen schreiben wir über ungewöhnliche Ausflugsziele, die nichts oder wenig kosten, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß gut zu erreichen sind, die es um die Ecke gibt, aber selten auf der Prioritätenliste ganz oben steht, die es einfach lohnt aufzusuchen, weil sie kleine oder große Schätze beherbergen und immer für eine Überraschung gut sind. Ein solcher Ort voller Entdeckungen ist der Besuch einer Kleingartenkolonie. 

Hannover verfügt zur Zeit über rund 20.000 Kleingärten und diese Zahl soll mindestens in den kommenden zehn Jahren erhalten bleiben. Oberbürgermeister Stefan Schostok formuliert das folgendermaßen: „Kleingärten haben in Hannover eine große Tradition. Sie verschaffen vielen Menschen in Hannover eine hohe Lebensqualität. Aufgrund ihrer sozialen, integrativen, ökologischen und vielen weiteren Funktionen sollen die Kleingärten erhalten und sogar gestärkt werden“.

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Liebevoll gestaltete Häuschen gibt es in jeder Kolonie.

Viele Regularien, deren Einhaltung auch frei ausgelegt wird

Mit viel Liebe werden die kleinen Häuschen hergerichtet, farblich gestaltet in das Ensemble von Nutz-, Zier- und Spielgarten eingefügt. Dabei gibt es jede Menge zu beachten, so darf die Laube beispielsweise nicht unterkellert sein oder eine Grundfläche von 24 Quadratmetern nicht überschreiten. Die allgemein bekannte Einheitshecke darf eigentlich nicht höher als 1,20 Meter werden, allerdings wird die Umsetzung dieser Regel häufig recht frei ausgelegt.

Schön sind besonders die alten, traditionellen Gärten, die dem Betrachter eine Teilhabe an der ganzen P(r)acht anbieten. Viele von ihnen bieten ein reichhaltiges Angebot an Blumen zu jeder Jahreszeit und große Rasenflächen für die Kleinen. Der Bereich für Obst und Gemüse ist dagegen oftmals in übersichtlicher Größe gehalten.

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Zur Freude der Besucher und Neugierigen sind die meisten Gärten gut einsichtig.

Idyllische Ecken und prachtvolle Beete

Blumenfreunde bewundern alles, was blüht, wächst und gedeiht. Ein Nachbar scheint oft den anderen übertreffen zu wollen mit raffiniert angelegten Pflanzenornamenten, geschnittenen Buchsbäumen und rosenbewachsenen Bedachungen, die an speziellen Kletterbögen herumranken. Mancherorts scheint es gar ein Verwandtschaftsverhältnis zur Gartengestaltung mit dem Barockgarten von Herrenhausen in Kleinformat zu geben. Die Rabatten sind scharf abgestochen, die Beete einheitlich oder kontrastreich arrangiert und kein Hälmchen wagt es, die vorgegebene Form oder Höhe zu überschreiten.

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Ein fröhliches Blütenmeer empfängt den Besucher. Bei erfahrenen Gartenbesitzern blüht fast das ganze Jahr irgendetwas.

Weißer Bart und rote Mütze

Bei meiner „Wanderung“ durch hannoversche Kleingärten war ich über die Selbstbeschränkung an Zierrat, Windspielen und die Anzahl an typischen Gartenzwergen erstaunt. Aber es lag wohl eher am anfänglich oberflächlichen Blick, denn je mehr sich meine Sinne schärften, ich mich auf Figürchen jeglicher Art zu konzentrieren begann, desto erfolgreicher war die Ausbeute. Es ist einen Versuch wert, die zu Beginn einer Tour geschätzte Zwergenanzahl mit den tatsächlich gezählten Zipfelmützen zu vergleichen.

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Weißer Bart und rote Mütze – der Inbegriff der Laubenpieperidylle. Ohne Gartenzwerg geht’s eben doch nicht.

Ob Blüten, Beeren oder Früchte – es gibt immer etwas zu schauen

Jede Jahreszeit hat seine Reize und seine Schönheiten. Die sommerliche Beerenzeit ist vorbei, aber die Äpfel- Birnen- und Quittenbäume haben jetzt Hochsaison. Nun bleibt nur noch zu entscheiden, ob Apfelmus oder Apfelkuchen – am besten beides. Und wenn die pelzigen steinharten Quitten erst einmal zerkleinert im Kochtopf liegen, kann ein jeder das Quittengelee für das nächste Frühstücksbrötchen vor dem inneren Auge vorbeiziehen lassen.

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Äpfel und Quitten hängen kurz vor der Ernte einträchtig an den Zweigen.

Was wühlt oder Blätter frisst muss möglichst weg

Aber auch die Kleingartenidylle ist nicht sicher vor der Unbill der Natur. Ob Wühlmaus oder Maulwurf, Schnecke, Blattlaus oder Kaninchen – alles, was die gepflegte Rasenfläche aus dem Gleichmaß bringt, wird bekämpft. Der Alptraum eines jeden Kleingärtners ist jedoch der verwilderte und verlodderte Nachbargarten, hier heißt es Wildwuchs statt liebevoll abgestochener Rabatten tolerieren zu lernen, ein Höchstmaß an Herausforderung.

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Manche Gärten haben schon lange keine Kultivierung mehr erfahren, ein echtes Ärgernis für die Nachbarn, die versuchen, ihre sorgsam gepflegten Flächen und Beete frei von Unkraut zu halten.

Au weia: Manchmal ist weniger eben mehr …

Manchmal sträuben sich mir als Betrachter aber auch die Haare: Denn wenn erstmal die Sammelleidenschaft zur Sucht geworden ist, sieht man den Garten vor lauter Kitsch fast gar nicht mehr. So haben beispielsweise in diesem Garten (Foto unten) Hexen und andere skurrile Vertreter die Vorherrschaft übernommen. Auch wenn sich über Geschmack wahrlich streiten lässt, hat bei diesem Garten die Natur definitiv das Nachsehen – und tritt freiwillig in den Hintergrund.

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Hexen, Frösche, Trolls und Zwerge soweit das Auge reicht.

Also, bummelt doch einmal durch eine der zahlreichen Kolonien, die Hannover bietet und sollten nach diesem Beitrag Gelüste zu einem Ausflug in die nähere Umgebung geweckt worden sein und das Interesse oder der Wunsch nach einem Kleingarten bestehen, hier sind ein paar Links für weitere Informationen.

Karen Baumhöver-Wegener
Karen Baumhöver-Wegener

Ich begeistere mich für Kultur & Kunst, bin gerne mit dem Rad unterwegs und liebe es Neues zu entdecken und fotografisch festzuhalten. Als Ina mich dann ansprach, ob ich im Verein beim Blog STYLE Hannover nicht mitmachen wollte war ich schnell entschlossen und sagte zu. Als schaffende Künstlerin und Ausstellungskuratorin weiß ich sehr wohl, wie wichtig es ist mehr Öffentlichkeit für Kultur zu schaffen.

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